Aus dem Fenster schauen
Die folgende Geschichte ist mir vor mehreren Jahren als E-Mail ins Haus geflattert: Zwei sehr kranke Männer teilen im Krankenhaus ein Zimmer. Einer muß bewegungslos auf dem Rücken liegen, der andere in der Nähe eines Fensters. Dieser muß jeden Tag eine Stunde aufrecht sitzen zwecks Entfernung von Flüssigkeit in seinen Lungen. In dieser Stunde schildert er seinem bewegungslos darniederliegenden Mitpatienten den jeweiligen Blick aus dem Fenster. Tiere und Menschen finden Erwähnung, die sich verändernde Vegetation und die Freude daran. Der bewegungslos liegende Patient freut sich jeden Tag auf diese Stunde, kann er doch durch die Schilderungen ein Stück weit Freude an der Schönheit und dem Reichtum des Lebens mitempfinden.
Eines Morgens findet die diensttuende Krankenschwester den am Fenster liegenden Patienten leblos vor; er ist in der Nacht in eine andere Welt hinübergeschlafen.
Als der bewegungslos darniederliegende Patient seine Trauer äußert, sagt ihm die Krankenschwester: “er hat auch im Sitzen nie aus dem Fenster schauen können. Außerdem war er ohnehin blind.”
In diesem Moment begreift der überlebende Patient, daß sein Leidensgefährte alle diese Schilderungen der Schönheiten des Lebens nur für ihn vorgenommen hat, ihn zu bewahren in seinem abnehmenden Lebensmut.
Ich will diese Geschichte nicht interpretieren. Nur dieser Hinweis: vielleicht können wir Ausschau halten nach Gelegenheiten, in denen wir selbst Menschen unseres Umfeldes in ihrem Lebensmut stärken und bewahren können.
eingestellt von Dietrich Rehnert am 3. April 2009
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