Festrede von Dierk Mohr
Liebe Gemeinde, verehrte Gäste,
Wir freuen uns, daß wir hier zusammen feiern dürfen und danken unseren Gästen, daß sie sich die Mühe machen, dabei zu sein.
Heute vor 50 Jahren fand im benachbarten Einwandererlager Villawood die Gründungsversammlung dieser Gemeinde statt. Ich werde in meinen Bemerkungen zitieren aus den Aufzeichnungen von Pastor Sandeck und Professor Schlesinger, die anläßlich der 25 Jahrfeier gemacht wurden, zitieren auch deswegen, um keine eigenen – weil nicht erlebten Erfahrungen – hier Raum zu geben.
Wie war denn das Umfeld 1959 für Einwanderer in Australien? Wer damals aus Deutschland auswanderte, ließ die Bundesrepublik regiert von Konrad Adenauer oder die DDR unter Walter Ulbricht hinter sich. Es war noch zwei Jahre vor dem Mauerbau. Eisenhower war Präsident der USA und Kruschtschow war die Nummer 1 in der Sowjet-Union. Hier in Australien war Sir Robert Menzies Prime Minister und blieb es noch bis 1966. Australien hatte damals weniger als 11 Millionen Einwohner und die Einwanderung von Europäern wurde staatlich sehr gefördert. Es war auch kurz vor den Unruhen oder besser gesagt Aufmüpfigkeit von Einwanderern in Bonegilla wegen schlechter Unterbringung und Arbeitsmarktlage. Das machte damals auch Schlagzeilen in Deutschland. Diejenigen unter uns, die in dieser Zeit als Einwanderer in Australien ankamen, meist nur mit zwei Koffern und viel Hoffnungen, aber auch großer Unsicherheit über die Zukunft, können nur staunen über den Mut und die Tatkraft, mit der die leitenden Leute damals daran gingen, die Gemeinde zu schaffen. Es waren die Herren Bendinger (ursprünglich aus Posen), Jager aus Tirol, Lehmann aus Berlin, Müller aus Schlesien und Ingenieur Schlesinger aus Österreich.
Es ist eine besondere Freude, heute hier unter uns Frau Lyne aus Brisbane, Tochter vom Ehepaar Bendinger, begrüßen zu dürfen. Von den ursprünglichen Familien, die dabei waren, ist heute auch Herr Wiener präsent.
Warum kam es zu der Gemeindegründung?
Herr Schlesinger stellt das so dar: “Manchem Zuwanderer war es sonderbar zumute gewesen, im Auffanglager Bonegilla, ja sogar schon auf den Auswandererschiffen von der australischen Kirche in englischer Sprache bedient zu werden. Die jüngere Generation unter den Pastoren hielt nichts von der traditionellen Verbindung zur Heimatkirche, so schien es, und sprach nicht mehr deutsch. Ein aussichtsloses Unterfangen, und die Erfahrung lehrte, daß bestenfalls die nächste Generation sich umzustellen in der Lage war.”
Der Name “Gnadenfrei” wurde gewählt – durch Gottes Gnade frei im freien Land – wie sehr galt dies besonders den Flüchtlingen. Aber auch in Erinnerung an die ersten deutschen Einwanderer in Südaustralien, die eine ihrer Gemeinden so benannt hatten. Diese wiederum bezog sich auf die Herrnhuter Siedlung Gnadenfrei in Schlesien, die vom Grafen von Seydlitz, einem Freund Zinzendorf’s gegründet worden war. Es war also die deutsche Sprache, die hier der Hauptantrieb für diese Gemeinde war.
Theodor Fontane beschreibt in seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg, wie er einen wendischen Gottesdienst in Lübbenau besucht. Er sagt: “Die wendische Predigt ist aus und das wendische Vaterunser wird gesprochen. Der Geistliche liest die Aufgebote, die Geburts- und Todesanzeigen in deutscher Sprache.Man sieht deutlich, daß das Wendische nur noch wie was Überkommenes gepflegt und geschont wird.Warum sollte man es ihnen nehmen? Sie Lieben es mit Recht und halten fest daran.” Und so geht es noch heute auch für uns hier, die nun schon viele Jahrzehnte zufrieden in Englisch unseren Alltag verbringen. Aber der Gottesdienst bleibt deutsch.
Die Gnadenfrei Gemeinde war Mitglied der Lutheran Church of Australia, die sich aus zwei Vorgänger-Kirchen der Lutheraner erst spät zusammengeschlossen hatte. Wie kam es zu dem Zusammenschluß mit der Martin-Luther Gemeinde in Sydney? Pastor Sandeck, der Pastor unserer Kirche von 1971 bis Juli 1978 bescheibt das so: “Schon im Jahre 1972 eröffnete ich dem Kirchenvorstand, daß ich einen zweiten Sonntagsgottesdienst in der Gegend Cabramatta-Fairfield eröffnen möchte. Ich bräuchte dazu allerdings eine Halle, die zu mieten, noch besser eine Kirche, die vielleicht käuflich zu erwerben wäre. Den meisten, sicherlich nicht allen Vorstehern, war das zunächst ein unvorstellbarer Gedanke. Als ich dies in den Kirchlichen Nachrichten im Juli 1973 veröffentlichte, rief Herr Kunde vom Kirchenvorstand der Gnadenfrei-Gemeinde an und sagte: «Pastor, Sie suchen im Westen eine Kirche, wir haben eine und auch eine Gemeinde. Kommen Sie zu uns.»”
Er schreibt dann weiter: “Die Kirche war eine Initiative von Volksdeutschen, die seit Generationen gewohnt waren, ihre Kirche im Ausland zu bauen und zu unterhalten. Sie brauchten und schufen Kirche zur Wahrung ihrer Identität, ihres Glaubens und Lebens in einer sonst fremden Umwelt. Sozusagen ein Stück Heimat und Geborgenheit. Ich erlebte in Chester Hill, für mich völlig neu, Gemeindeglieder, wie unter anderem Familie Bendinger, die ohne Aufhebens, oft unbemerkt, Zeit und Geld bedenkenlos einsetzten, um ihre Kirche attraktiv zu halten und anderen einladend als geistliche Heimat anzubieten. Der lutherische Glaube, der nicht hinterfragt wurde, wie die deutsche Sprache, waren integraler Bestandteil dieser Gemeinde.”. Pastor Sandeck führt dann weiter aus, daß für ihn dieser Anruf von Herrn Kunde zwar sehr erfreulich, aber in keiner Weise angenehm war, weil er in seinem freundschaftlichen Verhältnis zur Leitung und den Pastoren der LCA nicht in den Geruch eines “sheep stealers” kommen wollte. Es kam dann aber zu Verhandlungen mit der LCA, die es der Gnadenfrei Gemeinde erlaubten, den Anschluß an die Stadt-Gemeinde zu suchen. Dieser Antrag erfolgte im Oktober 1973 und erneut mit einer Gemeindeversammlung am 24. Februar 1974. Am 3. März 1974 hielt Pastor Sandeck dann den ersten Gottesdienst hier an dieser Stelle morgens um 8.30 Uhr. Und so haben wir es gehalten seit 35 Jahren.
Dieses Grundstück wurde uns von der LCA zum Buchwert von 1960 für ganze 20,000 Dollar verkauft. Vorher war schon das Vorgänger-Haus vom jetzigen Pfarrhaus mit Bankkredit vom damaligen Schatzmeister Dr Beinssen gekauft worden. In den Jahren wurde auch in Allambie gebaut und die neue Orgel in der Stadtkirche bestellt. Damals half auch das kirchliche Außenamt mit einem Sonderzuschuß von DM 60,000. Im August 1976 wurde dann die Sonnabendschule in Zusammenarbeit mit Herrn Grunwald eingeweiht. Sie heißt nun Katharinen Stube.
Wir können nur den Hut abnehmen vor der Tatkraft und dem Zupacken aller Beteiligten in diesen Jahren. Vom damaligen Vorstand ist nur noch Karl Wunderlich dabei, der sich als Schatzmeister und Bauleiter beim Bau unseres Pastorats hier im Jahre 2001 besonders hervorgetan.hat.
Doch nun zur heutigen Gemeinde in Chester Hill, die nach 50 Jahren natürlich altersbedingt eine andere Zusammensetzung hat als die damaligen Pioniere mit ihren jungen Familien. Wie damals vorausgesehen, hat sich die zweite Generation entweder der Kirche entfremdet oder ist der Sprache wegen in englisch-sprachige Gemeinden abgewandert. Die Einwanderung aus Deutschland ist sehr zurückgegangen oder ist durch berufliche Entsendung zeitlich begrenzt. Dennoch haben wir hier einen guten und regelmässigen Gottesdienstbesuch mit durchschnittlich 25 Besuchern ohne die besonderen Festlichkeiten. Chester Hill ist auch der Treffpunkt für unseren alljährlichen Weihnachtsbazar, das Johannesfeuer (erstmalig hat uns das Wetter in diesem Jahr einen Strich durch die Rechnung gemacht), die dreimaligen Geburtstagsfeiern für unsere Senioren, das Erntedankfest. All dies ist Gelegenheit auch für unsere Mitglieder in der Stadt und in Allambie den Weg nach Chester Hill zu finden.
Und damit bin ich beim Dank angekommen: Dank für Gottes Hilfe, die es uns erlaubt, hier und heute zu feiern. Dank an die vielen Mitarbeiter , Pastoren wie Gemeindemitglieder, die ihren Beitrag hier geleistet haben. Wenn ich nun Namen nennne, so ist das bestimmt keine vollständige Liste, wer nicht genannt ist, betrachte das bitte nicht als Zurückstellung: Die Pastoren Koch und Stolz ganz zu Anfang, später dann Pastor Burger aus Yagoona, dann Pastor Sandeck, Pastor Wiedemann, Pastorenehepaar Römmer, Pastor Dr Briese, Pastor Sauer, Pastorenehepaar Göckenjan, Pastor Reith, Pastorenehepaar Ausserwinkler und jetzt natürlich Pastor Dirk Wnendt. Auch Hermann Simon und Dietrich Rehnert sei für ihren Dienst gedankt.
Für ihre vielen Jahre Tätigkeit im Vorstand als Chester Hill Vertreter Danken wir Irmgard Poetsch, außerdem den Familien Beck, Reith, Wieland, Neben, Herwig, Merten Frau Smith, Frau Gerich,Herrn Flagmeier, Frau Schaaf, Frau Reismann,Ehepaar Biermann, Ehepaar Klinger, Ehepaar Götz, Frau Kokott, Frau Chudek, Frau Bayer, Frau Proft, Herr Feye, Frau Skrzypzak, Otto and Jean Frey, Frau Lorenz, Frau Kmet, Frau Rupp, Frau Pope, Frau Elbehery und andere ein besonderes Dankeschön gilt Frau Moyle, die hier 20 Jahre lang die Orgel gespielt hat – nun muß sie leider aus Gesundheitsgründen in ein Pflegeheim bei Albury.
Die Zukunft unserer Gnadenfrei – Gemeinde scheint mir für die nächsten Jahre durchaus gesichert – solange wir tätige und gläubige Mitglieder haben und wichtiger noch, solange Gottes Wille es erlaubt.