“Luther würde alles dafür tun, dass die Armut und die Ungleichheit behoben wird”
Sydney – Die Martin Luther-Stube in der Goulburn Street im Zentrum von Sydney ist an diesem Sonntagnachmittag gut gefüllt. Bei Kaffee und Kuchen sitzen die Gemeindemitglieder nach dem Gottesdienst zusammen und reden über Gott und die Welt. Gemeinde-Pastor Michael Petzoldt, der seit September 2009 mit der Vakanz-vertretung in der evangelisch-lutherischen Kirche Sydney betraut ist, hat für jeden ein offenes Ohr.
Nebenan, ein paar Meter weiter, steht die Martin Luther Kirche. In dem 1883 eingeweihten Gotteshaus hält Petzoldt mit den Gläubigen jeden Sonntag um 11 Uhr den Gottesdienst. Zweieinhalb Stunden zuvor war er bereits im 25 Kilometer entfernten Sydneyer Vorort Chester Hill, um mit den dortigen Gemeindemitgliedern die sonntägliche Andacht zu feiern. Der Gottesmann muss regelmäßig viele Kilometer mit dem Auto zurücklegen, denn die Gemeinden, die er zu betreuen hat, liegen nach deutschen Maßstäben weit auseinander. Neben den Gottesdiensten in der Martin Luther Kirche in Sydneys Zentrum und in Chester Hill, fährt Petzoldt regelmäßig in die Sydneyer Vororte Allambie Heights und Croydon, um dort seinen pastoralen Pflichten nachzukommen. Das ständige Unterwegs sein auf den Straßen ist für Petzoldt eine Herausforderung, denn ihm liegt besonders die persönliche Betreuung der Gemeindemitglieder am Herzen: „Man verbringt sehr viel Zeit im Straßenverkehr, was dann von der Gemeindearbeit abgeht“, bedauert der Pfarrer.
Dass er heute in Australien seine Berufung ausüben kann, ist nicht selbstverständlich: Petzoldt wurde 1944 in Leipzig, knapp 100 Kilometer von der Luther Stadt Wittenberg entfernt, im Osten Deutschlands geboren. Er ist in seiner Geburtsstadt aufgewachsen und hat dort Theologie studiert. In der sächsischen Stadt arbeitete er ab 1971 viele Jahre als Gemeinde-Pfarrer und ab 1985 an der Berliner Charité und in Davos in der Schweiz bis zu seinem Ruhestand im Jahre 2009 als Klinik-Pfarrer.
Eigentlich ist er in das Land der Kängurus gekommen, um seinen wohlverdienten Ruhestand zu genießen. Als er aber gefragt wurde, die knapp einjährige Vertretungszeit in Sydney zu übernehmen, konnte er nicht widerstehen – auch weil er die Stadt und die Gemeinde während eines Urlaubs im Jahre 2002 bereits kurz kennengelernt hatte.
Befragt nach den Besonderheiten des australischen Gemeindelebens, antwortet Petzold: „Ich habe erlebt, dass eine Gemeinde dort entsteht, wo Menschen sich engagieren und wo viele aus persönlicher Überzeugung dazugehören. Das habe ich damals so in Leipzig erlebt und das sehe ich jetzt auch in Sydney.“
Er hat die Erfahrung gemacht, dass die Gläubigen mit Freude dabei sind und sich intensiv am Gemeindeleben beteiligen. Sie nehmen sich Zeit für die Besinnung und finden in ihrem Glauben Hilfe zur Lebensbewältigung. Das gilt vor allem für die Älteren, die eine wichtige Säule des Gemeindelebens bilden.
Aber auch der Nachwuchs kommt bei Petzoldt nicht zu kurz: Über die in Sydney lebenden deutschen Eltern, die meist für ein paar Jahre ihre Zelte hier aufgeschlagen haben und ihre Kinder in die deutsche Schule schicken, wo sie in Religion unterrichtet werden, knüpft der Pastor seine Kontakte. Speziell auf die jüngere Generation zugeschnitten sind die Familiengottesdienste. Zwar sind die jungen Familien meist aus beruflichen Gründen immer nur befristet in Australien, trotzdem habe sich daraus ein Stamm an Mitgliedern
entwickelt, „die immer wieder kommen und auch innerlich die Gemeinde mittragen“, sagt Petzoldt.
Auch wenn 16.000 Kilometer zwischen dem australischen Kontinent und der Heimat liegen, die Nachricht von der Alkoholfahrt von Margot Käßmann und ihr Rücktritt von ihren Ämtern als Landesbischöfin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers und als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat auch Petzoldt in Down Under erreicht: „Ich habe das mit Bestürzung aufgenommen. Margot Käßmann ist beruflich wirklich an der richtigen Stelle gewesen. Man muss es trotzdem akzeptieren, dass sie für sich diese Entscheidung getroffen hat.“
Es sind solche Lebensprüfungen, die tiefe Spuren in der Biografie hinterlassen. Für Petzoldt war seine Scheidung im Jahr 1999 eine der schwersten Stunden seines Lebens. Aber mit der Kraft seines Glaubens hat er sich der Herausforderung gestellt und im Jahr 2002 entschieden, in die Schweiz zu gehen. Für sieben Jahre arbeitete er dort in einer Klinik als Seelsorger. Für ihn eine sehr schöne und wertvolle Aufgabe, wie er sagt.
Auch die Entscheidung nach Sydney zu gehen, wurde ihm durch die größere Freiheit, die ein Alleinstehender hat, deutlich vereinfacht. Er wusste außerdem, dass seine zwei erwachsenen Kinder auf eigenen Füßen stehen und er getrost seine Reise auf den fünften Kontinent antreten kann. Es war eine Entscheidung, die er nicht bereut hat: „Ich bin hier in einer sehr aktiven Gemeinde gelandet, wo man einfach gerne mitmacht und sich engagiert. Man merkt wie dankbar die Menschen sind und dass sie mit Vertrauen auf mich zugehen.“
Als weltzugewandter Pastor und Befürworter einer offenen Kirche hat Petzoldt auch zu aktuellen Fragen eine klare Botschaft. So lässt ihn die gegenwärtige Weltwirtschaftskrise nicht kalt. Im zinsbasierten Geldsystem, als eine der Hauptursachen der Krise, hatte Martin Luther bereits vor 500 Jahren das Grundübel jeder Gesellschaft erkannt. Was hätte also der große Reformator gesagt? Pastor Petzoldt ist der Meinung: „Luther würde es verurteilen, dass sich manche bereichern. Die Bibel hat nichts gegen Reichtum und gegen
Menschen, die viel Geld haben. Die Menschen, die reich sind, stehen aber in besonderer Verantwortung gegenüber denjenigen, die nicht diese Möglichkeiten haben. Ich denke, Martin Luther würde alles dafür tun, dass die Armut und die Ungleichheit behoben wird.“
Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion von Die Woche.
