Evangelisch in Sydney

Kulturkreis diskutierte über den Islam mit Pfarrer Dr. Hagemann

Am regnerischen und kalten letzten Mittwoch Abend, den 28. Juli 2010, machte ich mich auf, – zum ersten Mal in meinem Leben – um ins ferne Croydon zu reisen. Herr Rehnert hatte im Gottesdienst am 25. Juli 2010 auf eine Veranstaltung des Kulturkreises hingewiesen, die sehr interessant zu werden versprach. Er sollte Recht behalten! Vom Bahnhof Croydon ging ich durch belebte Vorstadtstrassen bis plötzlich die Strassenbeleuchtung zu Ende war und es stockdunkel wurde. Aber bereits nach 20 bis 25 Metern strahlte ein hellerleuchteter Saal und ein Schild: “Deutsche Christopherus Gemeinde”. Ich war angekommen! Im Saal warteten ca. 60 erwartungsfrohe Zuhörer, darunter viele bekannte Gesichter aus der Martin-Luther-Gemeinde. Wir alle hatten uns eingefunden, um einen Vortrag des erst kürzlich in Sydney eingetroffenen Pfarrers der katholischen Deutschen Gemeinde, Prof. Dr. Ludwig Hagemann zu hören.

Pfarrer Dr. Hagemann ist im “Nebenberuf” Professor und Ordinarius für Systematische Theologie und Religionsgeschichte an der Universitaet Mannheim! Aber sein Vortrag hatte nichts Professorales an sich, vielmehr verstand er es, uns Laien (wohl doch in der Mehrzahl, obwohl ich einen Zuhörer sah, der seine eigene Koranausgabe mitgebracht hatte) die Grundbegriffe des Islam verständlich zu machen.
Es wäre vermessen, den durch tiefgründiges, in jahrelangem Studium erworbenen Wissen geprägten Vortrag wiedergeben zu wollen. Hier nur einige Gedanken, die mir besonders im Gedächtnis blieben:

Die Charakterisierung Gottes: Der Barmherzige, der Nachsichtige, der Geduldige, der Mitleidende. Islam selbst bedeutet totale Hingabe an Gott und der Versuch oder das Bemühen im eigenen Leben Gottes Spuren zu entdecken. Gottes Wirken ist durch die Vernunft an uns zu erkennen. Erkenntnisquellen sind Schöpfung und Offenbarung.

Für uns Christen wichtig die unterschiedlichen Auffassungen zu Jesus. Im Islam hat er eine wichtige Stelle als Verkünder des Evangeliums und als Herrscher am Ende der Welt und beim Jüngsten Gericht. Aber er ist nicht Sohn Gottes und er ist auch nicht am Kreuz gestorben, sondern vielmehr “ein anderer, der ihm ähnlich sah”. Gott hat Jesus nach Auffassung des Islam vom Kreuzestod errettet!

Die Lehre von der Dreieinigkeit Gottes lehnt der Islam ab (“ungläubig sind die, die sagen Gott ist der Dritte von Drei”), obwohl die islamistische Auffassung von der christlichen Dreieinigkeit auf einem Missverständnis beruht. Pfarrer Dr. Hagemann erläuterte, dass das den Islamwissenschaftlern bewusst sei. Da jedoch die Worte des Koran heilig seien, könne die Wissenschaft diesen Irrtum nicht bereinigen.
Auch der Islam kennt das Jüngste Gericht. Jeder tritt allein vor Gott, es gibt keine Mittler, lediglich Zeugen. In der Hand hat jeder Gläubige ein Buch über sein Leben. Den Ungläubigen wird es von hinten gereicht! Gott ist ein gerechter Richter. Jeder erhält sein Urteil, wie er es auf Grund seiner Werke verdient hat.

Pfarrer Tiedemann erläuterte auch, für uns Protestanten wichtig, dass sich Martin Luther intensiv mit der Lehre des Islam befasst und sogar versucht habe, den Koran aus einer lateinischen Vorübersetzung ins Deutsche zu übersetzen.

An die Ausführungen von Pfarrer Dr. Hagemann schloss sich eine angeregte Frage- und Antwortsession an, die zeigte, wie aktuell die Fragen zum Islam in unserer heutigen Zeit sind. Eine Kenntnis der Grundlagen hilft dabei, die richtigen Antworten zu finden. Eine der Fragen ging dahin, wer das geistliche Oberhaupt des Islam sei. Die Antwort darauf war, dass es zur Zeit keines gebe. Bis 1924 habe der türkische Kalif diese Rolle gehabt. In der Gegenwart versuche die wahabitische Dynastie Saudi Arabiens diese Rolle in Anspruch zu nehmen. Dieser Anspruch, der sich vor allem auf den Besitz der heiligen Stätten (und Städte) Mekka und Medina stütze, werde allerdings von vielen nicht anerkannt.

Insgesamt eine sehr gelungene Veranstaltung des Kulturkreises. Die Bahnfahrt nach Croydon hatte sich auf alle Fälle gelohnt.

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