
Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.
Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Rind, Esel, noch alles, was dein Nächster hat.
Möglich, dass alles anders gekommen wäre, wenn ich gesagt hätte: Unsinn. Wenn ich meinen Bruder Philippe verteidigt hätte, wie ich es früher immer getan habe, sobald die anderen über ihn herzogen, und ich, selbst ganz matt vor Neid, sagte: Schnauze.
Hab ich aber nicht, nicht diesmal. Diesmal habe ich nicht widersprochen, als Jerome zu mir sagte: Hör mal, Pierre, irgendwas stimmt hier nicht, wie kann er sich das leisten? Ich habe mit den Achseln gezuckt, habe mich im Garten umgesehen, den Pool betrachtet, in den die Zwillinge den ganzen Nachmittag über gesprungen waren – drei, vier lange Schritte, dann ein Platschen, dass das Wasser bis zum Tisch spritzte – und habe tja gesagt. Tja. Als gebe es da was zu wissen, und ich wüsste es.
Kurz zuvor waren Philippe und seine Frau in die Küche gegangen, in den Händen die leeren Teller, wir hatten den beiden nachgeschaut, wie sie zum Haus gingen, und Jerome hatte sich mir zugewandt, die dichten Brauen zu einer einzigen skeptischen Linie erhoben, und hatte gesagt: Irgendwas stimmt hier nicht.
Den vollständigen Artikel von Annette Mingels finden Sie auf den Internetseiten des evangelischen Online Magazins chrismon.de hier.
eingestellt von Mathias Burbach am 26. Mai 2009
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Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten
Sie dachte jeden Sommer an ihn, seit sieben Jahren. Es fing meistens im Juni an, und es hörte erst im August auf, manchmal sogar im September, je nachdem, wie lange es warm blieb. Sie dachte an seine kurzen, dunklen Haare, an den unangenehmen, erregenden Geschmack seines Kusses an ihrem einzigen gemeinsamen Morgen damals, an die kleinen Falten in seinen Mundwinkeln und unter seinen Augen, wenn er lächelte. Vielleicht, dachte sie, als sie jetzt ins “Adria” hereinkam und sich an den hintersten Tisch setzte, würde sie ihn zuerst auf die Mundwinkel küssen und dann unter die Augen, und dann würde er ihr sagen, dass sie nicht älter geworden sei, dass sie noch besser aussehe als damals. Und sie würde ihm dasselbe sagen, und sie wüssten beide, dass es nicht stimmte.
Sie hatte das Foto mitgenommen – zur Sicherheit. Sie brauchte es nicht, aber sie hatte ein besseres Gefühl, wenn es in ihrer Handtasche war. Es war das einzige Foto, das sie von ihm hatte. An dem Tag, an dem es gemacht wurde, waren sie zu zweit in Agaton gewesen, er musste für seine Mädchen neue Badeanzüge kaufen, sie brauchte wie immer Geschenke für die schrecklichen Nachbarn, die zu Hause auf die Wohnung aufpassten. Seine Frau wollte nicht mit, und ihr Mann hasste Einkäufe. Also fuhren Nicolas und Gisèle allein in die Stadt. Sie begleiteten einander geduldig in die Geschäfte, sie tranken auf dem Platz hinter der Basilika Granatapfellimonade unter dem weißen Sonnenschirm mit der Philip-Morris-Reklame, und als ein Straßenfotograf mit seiner Polaroidkamera kam, die wie eine Ziehharmonika aussah, ließen sie sich von ihm fotografieren. Später rissen sie das Bild in der Mitte durch, sie behielt die Hälfte, auf der er zu sehen war, er die andere, und vielleicht hatte er ihr Foto heute auch eingesteckt.
Den vollständigen Artikel von Maxim Biller finden Sie auf den Internetseiten des evangelischen Online Magazins chrismon.de hier.
eingestellt von Mathias Burbach am 20. Mai 2009
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Du sollst nicht stehlen.
Sie lebten alle zusammen in einer Wohnung, die Greisin, der Soldat und das dicke Mädchen. Die Wohnung gehörte der Greisin. Sie allein benutzte den vorderen Eingang, der Soldat und das Mädchen teilten sich den Hintereingang, durch den in fernen Zeiten Dienstboten und Lieferanten gegangen waren. Die Greisin konnte sich an diese Zeiten gut erinnern. Sie sprach oft von ihnen.
Der Soldat und das Mädchen waren ihre Untermieter. Sie vermiete nicht des Geldes wegen, beileibe nicht, auf den Gedanken möge keiner wagen zu kommen. Sie wolle nur nicht allein sein. Und, da hatte sie recht, Platz gab es genug in der Wohnung. Der Soldat war ein höherer Dienstgrad, so vornehm wie arm. Er arbeitete bei irgendeiner militärischen Behörde. Das dicke Mädchen studierte Sprachen und genoss das Leben, soweit ihre Mittel es zuließen. Wenn ihr das Geld ausging, jobbte sie in einer Weinkneipe in der Altstadt. Dort saß dann auch der Soldat, schwieg, lächelte höflich und trank den Wein, den das dicke Mädchen ihm hinstellte. Sie hatten einander gern, die beiden Untermieter.
Den vollständigen Artikel von Eva Demski finden Sie auf den Internetseiten des evangelischen Online Magazins chrismon.de hier.
eingestellt von Mathias Burbach am 12. Mai 2009
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Du sollst nicht ehebrechen
Natürlich bekenne ich mich zu meiner Tücke. Aber ich habe in meiner Situation keine andere Möglichkeit mehr gewusst, um mir Gewissheit zu verschaffen. Seit ungefähr einem halben Jahr plagt mich das Gefühl, dass Elisa mich betrügt. Ich habe ihr meinen Verdacht nicht mitgeteilt; ich warte immer noch darauf, dass sie mir eine Art Geständnis macht. Aber sie ist verstockt und sagt keinen Ton. Ich dachte, mein Gott, jetzt gewöhnen auch wir uns an das Massenunglück. Von Elisa aus gesehen sind die Voraussetzungen günstig. Aus beruflichen Gründen bin ich fast jede Woche unterwegs. Ich fahre am Montagmorgen los und kehre oft erst im Laufe des Freitags zurück. Insofern kann Elisa frei schalten und walten.
Den vollständigen Artikel von Wilhelm Genazino finden Sie auf den Internetseiten des evangelischen Online Magazins chrismon.de hier.
eingestellt von Mathias Burbach am 5. Mai 2009
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Du sollst nicht töten
Ein Schatten bin ich ferne finsteren Dörfern. / Gottes Schweigen / Trank ich aus dem Brunnen des Hains. So schrieb Georg Trakl in seinem Gedicht “De profundis”, benannt nach dem 130. Psalm, der anhebt mit den Worten: “Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir. Herr, höre meine Stimme! Lass deine Ohren merken auf die Stimme meines Flehens.”
War da ein Flehen in jener Januarnacht, als der siebzehnjährige Felix das Haus seiner Eltern verließ, begleitet von seiner Schwester, deren Freundin und seinem besten Freund Torben, bewaffnet mit mehreren Küchenmessern, scheinbar sanftmütig und unauffällig wie sonst auch? Schrie es im Innern des Schülers? “Ich harre des Herrn, meine Seele harret, und ich hoffe auf sein Wort. Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen.”
Den vollständigen Artikel von Friedrich Ani finden Sie auf den Internetseiten des evangelischen Online Magazins chrismon.de hier.
eingestellt von Mathias Burbach am 28. April 2009
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Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass dir’s wohlgehe und du lange lebest auf Erden
Ich hätte eigentlich was merken müssen, aber ich bin wohl naiv, ich dachte mir nichts dabei, als Wolf damit anfing, sich über Kitti zu beklagen. Wolf ist mein Vater, Kitti meine Mutter – sie hatten mal richtige Namen, als sie jung waren, aber damals war die Welt noch eine Scheibe – seit ich mitreden darf, heißen sie Wolf und Kitti.
Von ihr hätte es mich nicht gewundert, sie textet mich schon mal zu an ihren schlechteren Tagen mit einer Arie über seine Fehler, das bin ich gewohnt, und es macht mir schon lange nichts mehr aus – ich verteidige ihn auch nicht mehr groß, so, wie ich das früher noch versucht habe, ich spiele Kitti einfach die schwesterliche Solidarität vor, die sie von mir zu erwarten scheint, gleichzeitig schalte ich auf Durchzug und denke, während sie jammert, über irgendwas Schöneres nach – der Text ist immer derselbe, und sie braucht keinen Rat, sie will nur auf mich draufschwatzen. Danach geht’s ihr besser. Sagt sie jedenfalls immer.
Den vollständigen Artikel von Thommie Bayer finden Sie auf den Internetseiten des evangelischen Online Magazins chrismon.de hier.
eingestellt von Mathias Burbach am 21. April 2009
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Du sollst den Feiertag heiligen
Reinhold stand am Fenster und schaute hinaus. Unten auf der Straße gingen ein paar Männer vorbei und er trat instinktiv einen Schritt zurück. Im Grunde fürchtete er sich vor den Menschen hier, vor ihrer launischen Art und ihrer Verstocktheit. Ihre grobe Sprache stieß ihn ab und ihr Lachen war ihm unheimlich. Sein Vorgänger war wie sie gewesen, ein ungeschlachter lauter Mensch, der am Sonnabend mit seiner Gemeinde trank und ihr am Sonntag ins Gewissen redete. Als Reinhold die Stelle vor einem Jahr angetreten hatte, war er voller Tatendrang gewesen. Er hatte sich auf den Bodensee gefreut und hatte gedacht, die Menschen seien offener im Süden. Aber er hatte sich getäuscht. Und was er auch angefangen hatte, es war ihm misslungen. Alles Mögliche wurde ihm vorgeworfen, dass er beim Abendmahl Brot statt Oblaten verwendete, Traubensaft statt Wein, überhaupt, dass er den Gottesdienst nicht so feiere, wie man es gewohnt sei. Es hieß, er kümmere sich zu wenig um die Alten, und dass er sich von den Konfirmanden duzen ließ, war auch nicht recht. Es waren lauter Kleinlichkeiten. Mit der Organistin hatte er es sich verdorben, weil seine Frau ein paar Mal Gitarre gespielt hatte im Gottesdienst, mit dem Mesner, weil er die Abrechnungen etwas zu genau kontrollierte.
Den vollständigen Artikel von Peter Stamm finden Sie auf den Internetseiten des evangelischen Online Magazins chrismon.de hier.
eingestellt von Mathias Burbach am 14. April 2009
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Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen
Auch ein großer Gott wirft seinen Abfall weg, diese Worte hat er gesprochen, der Wundersüchtige, damals während unseres Medizinstudiums, in einem Herbstmonat, als der Wind in den Straßenschneisen pfiff. Ich aber habe einen anderen Weg gewählt und bin gewöhnlich geworden, das Gezänk der Idealisten geht mich nichts mehr an. Nur: Auf der anderen Seite bin ich nicht angekommen oder noch nicht angekommen, meine verheirateten Freunde wollen mich nicht wieder in ihren Kreis aufnehmen, weil man nicht ungestraft das Bürgertum verachtet. Das hatte ich tatsächlich getan und den Ruf eines mild lächelnden Extremisten erworben. Heute verlacht, morgen hegemonial, so lautete der Lieblingsspruch von mir und meinen Brüdern. Wir verstanden nicht die Rentner, die vor den Kaufhäusern standen, stumm, sie pressten die Traktate an die Brust, oder sie fächerten sie oberhalb der Gürtellinie. Wir spotteten nicht über diese merkwürdigen alten Leute, denn man hatte uns gelehrt, die Jungen zu bekämpfen, die Alten aber in Ruhe zu lassen. Große Dinge kündigten sich an, der Himmel sog sich voll mit den Sünden, und wir wurden geweckt, weil das Unheil seinen Lauf nahm.
Den vollständigen Artikel von Feridun Zaimoglu finden Sie auf den Internetseiten des evangelischen Online Magazins chrismon.de hier.
eingestellt von Mathias Burbach am 7. April 2009
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